Archiv 2019

Sa. 27. April 2019, 19 Uhr: Sebastian Kleinschmidt, Spiegelungen

Sebastian Kleinschmidt

Am Samstag, dem 27. April 2019 liest Sebastian Kleinschmidt im Lyrikhaus aus seinem Essayband „Spiegelungen“. Der Eintritt beträg 10 Euro.

Bildende Kunst, Theologie und Literatur sind die geistigen Räume, die Sebastian Kleinschmidt in einprägsamen Portraits, gedankenreichen Betrachtungen, subtilen Assoziationen durchschreitet. Die Landschaft der Namen, die sich vor dem Leser auftut, erstreckt sich u.a. von Ernst Jünger und Botho Strauß über Viktor von Weizsäcker, Bertrand Russell, Gerhard Marcks, Thomas Hürlimann, Christian Lehnert, Laszló Földényi, Adam Zagajewski, Czesław Miłosz, Wisława Szymborska, Wolfgang Hilbig und Angela Krauß bis zu Friedrich Hölderlin und Bertolt Brecht. Abgerundet wird der Band durch Gespräche, die Kleinschmidts Biografie und philosophische Selbstfindung beleuchten. Spiegelungen erschien 2018 bei Matthes & Seitz, Berlin.

Sebastian Kleinschmidt, geb. 16. Mai 1948 in Schwerin, schloss 1966 eine Berufsausbildung mit Abitur als Elektrosignalschlosser ab. Danach diente er vier Jahre als Funker bei der Volksmarine. Von 1970 bis 1972 studierte er Geschichte an der Karl-Marx-Universität Leipzig, danach bis 1974 Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Anschließend absolvierte er bis 1978 ein Forschungsstudium der Ästhetik, das er mit der Promotion abschloss. Kleinschmidt gehörte von 1974 bis 1977 mit Wolfgang Templin und Klaus Wolfram einem konspirativen oppositionellen Zirkel an, der durch das Ministerium für Staatssicherheit aufgelöst wurde. Von 1978 bis 1983 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR, von 1984 bis 1987 Mitarbeiter der Akademie der Künste der DDR. Kleinschmidt trat 1984 in die Redaktion der Kulturzeitschrift Sinn und Form ein. 1988 wurde er stellvertretender Chefredakteur und übernahm 1991 die Leitung der Zeitschrift, die er bis 2013 innehatte. 1993 wurde er Mitglied des PEN-Zentrum Deutschland. Zahlreiche Schriften, darunter „Requiem für einen Hund. Ein Gespräch“ (mit Daniel Kehlmann). Herausgaben von Schriften von Walter Benjamin, Georg Lukács, Friedrich Dieckmann, Botho Strauß und Dieter Janz sowie mehrerer Bücher zur Brecht-Forschung.

So. 17. März 2019, 15 Uhr: Brigitte Struzyk

Brigitte Struzyk am Denkmal von Christoph Martin Wieland in Oßmannstedt bei Weimar
Brigitte Struzyk am Denkmal von Christoph Martin Wieland in Oßmannstedt bei Weimar

Am 17. März 2019 um 15 Uhr liest Brigitte Struzyk im Lyrikhaus. Eintritt 10 Euro. Es gibt Kaffee und Kuchen.

Brigitte Struzyk lebt schon lange mit der Poesie, die sie für das Lebensmittel hält.

Sie studierte Theaterwissenschaft an der Theaterhochschule „Hans Otto“ in Leipzig und arbeitete als Dramaturgin und Regieassistentin am Gerhart-Hauptmann-Theater in Görlitz und Zittau.

Von 1970 bis 1982 war sie Lektorin im Aufbau-Verlag, anfangs in Weimar und ab 1976 in Ost-Berlin, wo sie im Prenzlauer Berg lebte und mit befreundeten Autorinnen des gleichen Jahrgangs die Gruppe 46 bildete, die bis 1979 bestand. Außer Brigitte Struzyk gehörten dieser Gruppe Richard Pietraß, Bernd Wagner und Hans Löffler als Kernmitglieder an. Außerdem oft Elke Erb, Adolf Endler, Bert Papenfuß, B.K. Tragelehn, Christa Schünke, und wechselnde Gäste sowie einmal Erich Arendt – eine bemerkenswerte Begegnung, wie Brigitte Struzyk mitteilt.

Von 1982 bis 1990 war sie freie Schriftstellerin. Von 1990 bis 1998 machte sie die Öffentlichkeitsarbeit des Baudezernats von Berlin-Pankow. Seit 1998 ist sie wieder freie Schriftstellerin.

Seit 1991 ist sie Mitglied des P.E.N.-Zentrums Deutschland. 1991 erhielt sie den Lion-Feuchtwanger-Preis, 1992 eine Ehrengabe der Deutschen Schillerstiftung, 2001 ein Stipendium des Internationalen Künstlerhauses Villa Concordia, 2003 ein Stipendium des Künstlerhauses Edenkoben. 2004 war sie Stadtschreiberin zu Rheinsberg.

1978 Debüt mit Poesiealbum 134. 1984 erster Gedichtband, Leben auf der Kippe. 1988 Porträt von Caroline Schlegel-Schelling mit dem Titel  Caroline unterm Freiheitsbaum. Weitere Gedichtbände (u.a. Der wild gewordene Tag 1989, Rittersporn 1995, Alles offen 2011) und Prosabücher (zuletzt Drachen über der Leninallee, 2012). Nachdichtungen, Herausgaben, Zeitungsbeiträge die Menge. Ihr letzter Gedichtband, Beinander, erschien 2014 im Kottnik Verlag, Hamburg.

Die Gedichte von Brigitte Struzyk sind Energiefelder, sie verfügen über den unbe­dingten Willen zur Gegen­wärtig­keit, haben keine Scheu vor aktuellen Bezügen. Hinzu kommt das kompo­sito­rische Geschick, auch disparate Dinge unan­gestrengt miteinander zu verknüpfen, überhaupt: Das mühe­lose Parlando ist eine der hervor­stechenden Quali­täten von Struzyk. Und nicht zu ver­gessen das Über­raschungs­moment. Hellmuth Opitz

in flagranti

komm, fass mich an – er macht die eine schulter frei
am ersten sonnentag im hain. ich lege meine hand dorthin
wo er sie haben wollte, liegt sie nun. er stöhnt.
wir haben uns noch nie zuvor gesehn, geschweige denn berührt.
er nennt mich weiße hexe.
da lachen wir und gehen ein jedes wieder seiner wege.
es ist der frühling,  ja, es fehlten ihm zwei zähne

So. 17. Februar 2019, 15 Uhr: Gerald und Martin Höfer, Ästhetische Verblendung

Gerald Höfer beim "Fest für die Poesie" der Literarischen Gesellschaft Thüringen 2018
Gerald Höfer beim „Fest für die Poesie“ der Literarischen Gesellschaft Thüringen 2018

Martin und Gerald Höfer stellen die ARTE Fakt Verlagsanstalt vor und sprechen über das Spannungsfeld von Lyrik und bildender Kunst. Gerald Höfer wird Gedichte aus dem Manuskript zu seinem neuen Buch „Ästhetische Verblendung“ lesen. Moderation Gisbert Amm. Der Eintritt beträgt 10 Euro. Es gibt Kaffee und Kuchen.

Die ARTE Fakt Verlagsanstalt wurde 2002 von Martin und Gerald Höfer gegründet, um Schriften, Tonträger und Kunst-DVDs zur verlegen, die im Rahmen ihres seit 1999 bestehenden Kunst-Projektes Barbara Rossa entstanden waren, das Bildende Kunst, Literatur, Musik und Performances vereinen sollte. In den Folgejahren wurden auch Bücher anderer Künstler wie Oswald HenkeChris Goellnitz, Norbert. K. Engelhardt, Gabriele Stötzer, eine Anthologie sowie Schriften zur Kunsttheorie verlegt.

Gerald Höfer, geb. 3. März 1960, studierte von 1976 bis 1980 am Institut für Lehrerbildung in Weimar, von 1987 bis 1990 am Deutschen Literaturinstitut Leipzig und von 2004 bis 2013 Germanistische Literaturwissenschaft sowie Volks- und Betriebswirtschaft an der Friedrich-Schiller-Universität Jena. In den 80iger Jahren Organisation unabhängiger Kulturveranstaltungen in Nordthüringen. Neben Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften 2003 „Gedichte zwischen mir nichts und dir nichts“, ARTE Fakt Verlagsanstalt.

Martin Höfer, geb. 25. Oktober 1982, studierte ab 2005 Medienkunst an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig, ab 2007 in der neu gegründeten Klasse für Mass Media Research und Kunst im medialen öffentlichen Raum. Gastaufenthalte an der Kunsthøgskolen i Bergen (Norwegen), Helwan University Kairo, Al-Balqa Applied University Amman (Jordanien) und Vilniaus dailės akademija (Litauen). Im Jahr 2013 schloss er sein Studium mit Auszeichnung ab. 2015 von der Kulturstiftung des Freistaats Sachsen gefördertes sechsmonatiges Artist in Residence Stipendium für die Teilnahme am International Studio & Curatorial Program (ISCP) in New York. Ausstellungen zuletzt: Mythos Tour de France, NRW-Forum Düsseldorf, 2017 und mass media approach, Kunstverein Gera, 2018. Höfer lebt und arbeitet in Leipzig.

So. 20. Januar 2019, 15 Uhr: Frederike Frei: Aberglück

Frederike Frei
Frederike Frei

Frederike Frei liest Gedichte aus aus ihrem 2018 in der Edition Bärenklau erschienenen Band Aberglück. Musikalisch begleitet wird sie von Joachim F. Schroeder (Hamburg), mit dem sie früher als homo musicus et poeticus auftrat. Der Eintritt beträgt 10 Euro. Es gibt Kaffee und Kuchen.

Frederike Frei, bürgerlich Christine Golling, geboren 24. Januar 1945 in Brandenburg an der Havel, aufgewachsen in Rotenburg an der Wümme, Bonn und Hamburg. Studium der Germanistik, Theologie und Theaterwissenschaften in Hamburg, Ausbildung an der Staatlichen Schauspielschule Hamburg (Diplom). Schauspielerin an Theatern in Wilhelmshaven, Verden (Landesbühnen) und Hamburg sowie in Kino- und Fernsehfilmen, Serien und Werbespots. 1976 Aktion ‚Lyrik im BaUCHLADEN‘ auf der Frankfurter Buchmesse. Wanderung als „Bundesdichterin“ durch Deutschland und auf der Kasseler Documenta 6, 7 und 8. 1978 Teilnahme an den „Internationalen Literaturtagen“ in Berlin. 1979 war sie die Organisatorin der Ersten Dichter-Demonstration in Hamburg. 1980 gründete sie mit diesen Dichtern zusammen den Literaturpost e.V. in Hamburg, später Literaturlabor e.V.  1994 war sie Mitbegründerin des Hamburger Writers Room e.V.

Preise u.a. Hamburger Lyrikpreis (1989), Ringelnatz-Publikumspreis Cuxhaven (1990), Preisträgerin im Hans Henny Jahnn-Wettbewerb (1993) und Art-Directors-Club-Preis (1998), Alfred-Döblin-Stipendium der Berliner Akademie der Künste (2018).

Gedichtveröffentlichungen u.a. Mitlesebuch 126. Kolumnen-Gedichte. APHAIA Verlag 2015 und Poesiealbum 319.  Märkischer Verlag Wilhelmshorst 2015

Rezension von Salli Sallmann zu Aberglück (Audio) Quelle: Kulturradio, 20.11.2018

Immer hab ich Lust auf alles,

grausam. Ob ich zum Griechen
gehe oder zuhause hungere,
immer sitz ich begeistert in
meiner Gesellschaft. Kauf ich
Kuchen, ist es toll, dass ich
Kuchen gekauft hab. Kauf ich
keinen, ist es toll, dass ich keinen
Kuchen gekauft hab, ich bin doch
eine arme Irre. Nie fall ich tief
und fall ich tief, bin ich froh, die
Welt von unten zu sehn. Es ist so
gleich, wer oder was ich bin und
ob überhaupt. Immer sperr ich
den Schnabel auf: Ein Wörtchen
für mich, keines für dich, die
guten ins Töpfchen, die bösen
im Köpfchen. Ich kann auch kaum
trauern, schon bin ich hingerissen
vom Tränenstrom. Was er weg
schwemmt und wie zierlich er
versiegt. Schön aufgeweicht der
Seelenboden, hoch aufgeschossen
das Gras, das drüber wächst.
Nicht einmal das Wetter bedrückt
mich. Es wechselt sein Kleid, um
mich zu überraschen. Trägt es
lange dasselbe, fühlt es sich darin
sauwohl und zählt auf meinen
Beifall, den es auch kriegt. Nie . . .
stöhn ich mit anderen mit und
sehe Grund, mich zu beklagen.
Ein Freudenfädchen find ich immer.
Wie soll ich denn etwas zu sagen
haben, wenn ich alles nehme,
wie es kommt. Hauptsache, es
kommt. Wie soll ich bloß Romane
schreiben, wenn ich schon entzückt
bin, fünfzig Cent zu finden, schon
zehn! Naja, zehn… Und doch!
Wenn er da liegt, der eingelaufene
Groschen in ranzigem Gold, dann
steigt das Blut auf die Barrikaden,
die Finger grapschen hin und
kennen nur Haben und Reicher
Sein und die Lust fährt Paternoster
in der Brust, oben um die Kurve
und juckelt wieder runter, so
geht das schon ewig. Allen glaub
ich aufs Wort, jedes Wort eine
Welt, jede Welt stimmt doch.
Und nicht für fünf Pfennig Lust,
aufzuhören mit was auch
immer.